BBiG: "Substanzielle Verbesserungen sind das wirksamste Mittel"

Bild: Rico Irmischer

Frage: Michael, wie steht es um die duale Ausbildung?

Michael Schmitzer: Auf den ersten Blick sehr gut. Das duale System ist nach wie vor ein Standortvorteil und Vorbild für viele Länder. Erfreulich ist, dass für Auszubildende leichte Verbesserungen zustande gekommen sind. Allerdings ist es nach wie vor so, dass das Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen deutlich zu gering ist. Eine von 10 Bewerberinnen bzw. Bewerbern hat nach wie vor keine Chance auf einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Das zeigt, dass der drohende Fachkräftemangel noch nicht im Problembewusstsein der Betriebe angekommen ist. Wie könnte es sonst sein, dass nur rund 20 Prozent der Betriebe Ausbildungsplätze anbieten.

Welche zentralen Herausforderungen sieht die IG Metall Jugend?

Das Angebot an betrieblichen Ausbildungsplätzen muss deutlich gesteigert werden. Ein auswahlfähiges Angebot besteht erst, wenn auf 100 Bewerberinnen bzw. Bewerber 112 Ausbildungsplätze bereitgestellt werden. Wir wollen das über eine Ausbildungsgarantie lösen, aber da gibt es große Vorbehalte von Seiten der Politik, den Rechtsanspruch gesetzlich zu verankern.

Daneben muss die hohe Quote an abgebrochenen Ausbildungsverhältnissen, die zurzeit bei etwas über 20 Prozent liegt, bekämpft werden. Hier spielt natürlich die Qualität der Ausbildung eine große Rolle. Jugendliche brechen oft die Ausbildung ab, weil die Zustände im Ausbildungsbetrieb nicht optimal sind und sie häufig als billige Aushilfen behandelt werden. Dazu sollte das Bundesministerium dringend klare Qualitätskriterien für gute Ausbildung beschreiben. Das würde die Attraktivität der dualen Ausbildung in jedem Fall steigern.

Genau das wird im Bericht ja auch vorgeschlagen. Das BMBF will eine Kampagne zur Steigerung der Attraktivität starten. Wie bewertet die IG Metall Jugend das?

Eine Kampagne ist natürlich immer hilfreich, um die öffentliche Wahrnehmung zu fördern. Aber es geht doch um etwas viel Grundsätzlicheres, denn durch Werbung ist noch kein Produkt besser geworden. Das gilt ganz besonders für die duale Ausbildung - wir brauchen Gestaltungswillen und kein besseres Marketing. Unser Vorschlag ist es, die Stellung von Auszubildenden zu verbessern und deren Ansprüchen und Anforderungen gerecht zu werden.

Was heißt das konkret?

Substanzielle Verbesserungen sind das wirksamste Mittel um die Attraktivität der dualen Ausbildung zu steigern. Die Substanz in diesem Fall ist das Berufsbildungsgesetz. Derzeit läuft ein Novellierungsverfahren, das durch das BMBF geleitet wird. Wir haben dazu unsere Vorschläge abgegeben. Es geht uns darum, klare Regelungen für die Qualität von Ausbildung im Gesetz zu verankern. Daneben fordern wir die grundsätzliche Lehr- und Lernmittelfreiheit und eben eine Ausbildungsgarantie ins BBiG aufzunehmen. Außerdem ist die Gleichstellung von Jugendlichen und Volljährigen bei der Anrechnung der Berufsschulzeiten von großer Bedeutung. Dies sind einige der wichtigen Forderungen, die wir gemeinsam mit unseren aktiven Mitgliedern aus der Praxis entwickelt haben.

Stichwort Berufsschule. Wie bewertet der Bericht die Berufsschulen?

Im Berufsbildungsbericht gibt es dazu keine qualitative Bewertung. Das liegt daran, dass für die Berufsschulen die Länder zuständig sind. Deshalb ist es für uns auch so schwer, das Thema Qualität der Berufsschulen anzusprechen, weil die Zuständigkeiten und Grundlagen höchst unterschiedlich sind. Wir versuchen aber immer unseren Einfluss gelten zu machen, damit an Berufsschulen mehr investiert wird. Nach Daten des BiBB werden nur 2,9 Milliarden Euro jährlich für Teilzeitberufsschulen bereitgestellt. Das ist einfach viel zu wenig. Das sind pro Schülerin bzw. Schüler nicht mal 200 Euro im Monat. Für Lehrmaterial, Infrastruktur und Lehrerinnen bzw. Lehrer an Berufsschulen müssen wir bereit sein, mehr zu investieren.

Welche Schritte plant die IG Metall Jugend in den kommenden Monaten?

Wir wollen ein besseres Berufsbildungsgesetz. Unsere Aktivitäten stehen unter dem Motto „modern.bilden.“ und genau das fordern wir auch. Moderne Bildung um den Herausforderungen der Digitalisierung gewachsen zu sein. Wir wollen auch die Chancengerechtigkeit fördern aber mit der derzeitigen Struktur des BBiG werden wir da nicht wirklich weiter kommen. Der ordnungspolitische Anspruch des BBiG muss durch Schutzmechanismen für Auszubildende ergänzt werden. Dazu bedarf es Verbesserungen, auf die alle in einer Ausbildung Ansprüche haben.

Ein Gesetz also, das alle Beteiligten angemessen berücksichtigt.

Genau! Dann müssen nur noch die dual Studierenden in den Geltungsbereich aufgenommen werden. Fast 100.000 junge Menschen finden derzeit den beruflichen Einstieg über das duale Studium. Dabei fehlen momentan gesetzliche Regelungen komplett. Es ist jedoch sehr klar, dass die betrieblichen Phasen des dualen Studiums im Grundsatz mit den betrieblichen Aspekten einer dualen Ausbildung vergleichbar sind. Deswegen brauchen wir hier dringend verlässliche gesetzliche Rahmenbedingungen.

Wenn wir das schaffen, dann haben wir ein Berufsbildungsgesetz für Alle. Dazu brauchen wir Unterstützung – von Auszubildenden, dual Studierenden und allen anderen. Also mitmachen und modern.bilden.