"Sozialstaat 4.0": IG Metall fordert "radikalen Umbau der Bildungslandschaft"

Bild: Lukas Franke

"Industrie 4.0" – das ist ein Schlagwort, das in politischen und gewerkschaftlichen Diskussionen schon länger zu hören ist. Unter dem Begriff "Industrie 4.0" verstehen Experten zunächst die enge Verzahnung industrieller Produktion mit moderner digitaler Informations- und Kommunikationstechnik, sprich: Die intelligente Fabrik, in der mehr IT-Spezialisten als Blaumänner zu sehen sind und ein Großteil der Produktion von Robotern übernommen wird. 

Doch wirkt sich Industrie 4.0 keinesfalls nur auf die Fabrik aus, sie ist auch mit tiefgreifenden Veränderungen für die Beschäftigten verbunden – von der Gestaltung der Arbeitszeiten bis zur Notwendigkeit, Bildung und Weiterbildung selbstverständlich in das Erwerbsleben zu integrieren. Industrie 4.0 führt also notwendiger Weise zu "Arbeit 4.0" – und beides zusammen benötigt den "Sozialstaat 4.0".

Sozialstaat 4.0 war denn auch die Überschrift eines zweitägigen Kongresses der IG Metall in Berlin, auf dem Bildung und Weiterbildung eines der zentralen Themen waren. So wies auch der Erste Vorsitzende der IG Metall, Jörg Hofmann, darauf hin, dass Bildung und Qualifizierung die entscheidenden Grundlagen einer funktionierenden Demokratie seien. Zugleich seien sie der Schlüssel zur digitalen Ökonomie. "Deshalb muss Lernen, Bildung und Weiterbildung während des gesamten Erwerbslebens mit einem individuellen Rechtsanspruch verbunden werden", forderte Hofmann. Der Zugang zu Bildung und Weiterbildung müsse als öffentliches Gut selbstverständlich werden.

Auch der Präsident des Bundesinstitutes für Berufsbildung, Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, unterstrich die Bedeutung von Bildungsgerechtigkeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für eine lebendige Demokratie. So gehe es auch bei der beruflichen Bildung nicht etwa nur um unmittelbar verwertbare Qualifikationen, vielmehr müsse auch hier die Persönlichkeitsentwicklung im Zentrum stehen, es gehe um nichts weniger als um eine "Renaissance von Zusammenhalt und Demokratie", so Esser.

Eher praktisch wurde es am zweiten Tag in den Foren, die sich etwa mit der Gestaltung der Arbeitszeiten in der Digitalisierung, mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder mit den Möglichkeiten beschäftigten, Weiterbildung auf tarifvertraglichem Wege durchzusetzen. Hier ging unter anderem um die Umsetzung der von der IG Metall erkämpften Regelung zur Bildungsteilzeit.

Überhaupt wurde die Bedeutung tarifvertraglicher Regelungen wieder einmal deutlich – und zwar bereits im Eröffnungsvortrag vom Prof. Dr. Anke Hassel von der Hans-Böckler-Stiftung, die darlegte, wie soziale Innovationen in der Geschichte der Bundesrepublik häufig zunächst auf betrieblicher Ebene eingeführt wurden, bevor sie dann vom Staat Gesetzeskraft erhielten.

Die IG Metall könnte mit dem Thema Sozialstaat 4.0 also ein weiteres Mal zur treibenden Kraft in Fragen sozialer Erneuerung werden.

Weitere Infos zum Kongress: www.igmetall.de/sozialstaat