• Revolution Bildung
  • Blog
  • 6 Fragen an Ursula Kosser: "Da findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, der in Berlin irgendwie gar nicht wahrgenommen wird."

6 Fragen an Ursula Kosser: "Da findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, der in Berlin irgendwie gar nicht wahrgenommen wird."

Bild: Ursula Kosser

Die "Generation Y" ist in den letzten Jahren zu einem angesagten Thema geworden, und zwar weit über ein paar Blogs von Personalern oder das Interesse von Wissenschaftlern hinaus. Denn die "Digital Natives", wie sie auch genannt werden, sind nicht nur ihrerseits konfrontiert mit einer Arbeitswelt, die sich dank Stichworten wie Industrie 4.0 in rasendem Wandel befindet. Sie haben ihrerseits auch andere Vorstellungen und Forderungen – an Politik, Arbeitgeber und überhaupt die ganze Gesellschaft, die Gewerkschaften eingeschlossen. Wir schauen genauer hin. Was sagen Experten? Worin unterscheiden sich die Jungen heute von den Jungen gestern? Und warum? Heute: Die Journalistin und Buchautorin Ursula Kosser.


Frage: Wer ist die Generation Y und was unterscheidet sie von vorherigen Generationen?

Ursula Kosser: Ich finde das die Generation Y die intelligenteste Generation ist von der ich je gehört habe, und das beeindruckt mich. Dabei reden wir von der Generation die der Mittelschicht angehört, und das ist immerhin eine breite Mittelschicht, die die Möglichkeiten hat, Bildung zu nutzen, die eine einigermaßen gute Ausbildung hat. Diese Generation hat so viele Möglichkeiten und hat eine sehr eigene Art damit umzugehen, weil sie relativ selbstsicher ist. Das gilt vor allem für die Mädchen, die deutlich selbstbewusster sind als das in meiner Generation der Fall war. Wir reden hier nicht von denen, die deutlich schwierigere Startbedingungen haben. Da sieht es durchaus anders aus. 

 Jugendforscher sprechen von "heimlichen Revolutionären"? Was für eine Revolution könnte von der Generation Y ausgehen?

Die heimlichen Revolutionäre sind eben nicht die, die auf die Straße gehen und sagen: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“. Diese Generation hat nicht dieses Gruppengefühl wie wir früher – aber sie wissen, was sie wollen. Die verlangen zum Beispiel keine großen Büros mehr oder andere Statussymbole. Die verlangen eine Kantine mit gutem vernünftigem Essen und fragen, wie es im Unternehmen um die Nachhaltigkeit bestellt ist. Autofahren ist nicht mehr so wichtig, viele haben noch nicht mal einen Führerschein, die kommen lieber mit der Fahrrad zur Arbeit. Und sie ziehen die Älteren mit – und das finde ich so spannend. Es gibt tatsächlich gerade im Management immer mehr Menschen, die sich das anhören, einen Schritt zurücktreten, und sagen: Da schauen wir uns mal was ab bei der Jugend. Damit verbunden ist ein Wertewandel auch bei den Geschlechtern. Schauen Sie mal z.B. im Fußball: Vor 20 Jahren, da sind die Spieler nach dem Spiel einen saufen gegangen. Heutzutage geht ein Philipp Lahm nach Hause zu seiner Oma, streichelt seine Meerschweinchen – nein, Häschen hat er – und isst den Kuchen, den die Oma selbst gebacken hat. Auch ein Schweinsteiger, der blutend auf dem Rasen liegt, macht den Softie, wenn der nach Hause geht. Und die sind im Kommen, diese Softies. Im Fußball sind sie so immerhin Weltmeister geworden.

Hat die Generation Y noch Ideale?

Ich glaube, es gibt in dieser Generation eine gewisse Verzweiflung angesichts des globalen Zustands der Welt. Und das führt mehr zu einem Ansatz des "think global, act local". Die Jungen wehren sich gegen große Mächte, die nicht unbedingt die klassisch politischen sind. Ich denke an Proteste gegen Banken oder den Klimawandel. Man sieht das an "Occupy" und ähnlichen Protesten. Das ist zwar Systemkritik, aber nicht mehr in den alten Kategorien – und ich finde, dass die Parteien da fürchterlich hinterher hängen. Da findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, der in Berlin nicht einmal wahrgenommen wird. Da steuern wir offensichtlich auf eine andere Art von Demokratie zu. Es ist fatal, dass das von den Parteien, von der Politik und manchmal auch noch von den Gewerkschaften gar nicht gesehen wird. 

Was würden Sie kritisieren an dieser Generation?

Ich finde, dass sie nicht laut genug sind, sie könnten wirklich lauter sein. Und viele streben nicht mehr so nach vorne. Die sagen sich, als Stellvertreter ist es auch ganz gemütlich, nur mit weniger Streß. Aber das passt ja auch wieder zu dieser Generation.

Wie verstehen Sie sich heute mit Ihrer Tochter?

Kati ist 20 und ich verstehe mich sehr gut mit ihr. Sie hält mich auch nicht für eine "Helikopter-Mama" – also eine überbeschützende Mutter.  Das ist wohl der Tatsache geschuldet ist, dass ich immer berufstätig war und sie schon von klein auf "mitmachen" musste. Hinzu kommt: Die Elterngeneration ist heute anders. Dieses "Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst...", solche Sätze, wie sie mein Vater noch brachte, das gibt es heute nicht mehr. 

Welcher Generation gehören Sie selbst an?

Ich bin Jahrgang 58. Damit bin ich ein bisschen zu alt für Babyboomer und ein bisschen zu jung für Hippies. Aber ich habe sehr wohl aktive Frauenpolitik betrieben, wenn auch nie mit der Verbissenheit einer Alice Schwarzer. Aggressiven Feminismus – damals gerne versinnbildlicht durch die lila Latzhose – habe ich nicht gemocht.


Ursula Kosser, 1958 in Bonn geboren, studierte Geschichte und evangelische Theologie. Sie arbeitete über zwanzig Jahre als Journalistin in Bonn, davon neun Jahre lang im Bonner Büro des "Spiegel" als politische Redakteurin. Seit zehn Jahren ist sie Chefin vom Dienst bei RTL und n-tv in München, wo sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt. 2011 erschien ihr Buch "Stell auf den Tisch die letzten Rosen", 2012 "Hammelsprünge. Sex und Macht in der deutschen Politik".
2014 erschien ihr Buch „Ohne uns. Die Generation Y und ihre Absage an das Leistungsdenken“ bei DuMont. 


Weitere Artikel zum Thema: 

10 typische Eigenschaften der so genannten Generation Y
6 Fragen an Klaus Dörre: Ein starkes Interesse, die Lebensumstände zu verbessern
6 Fragen an Klaus Hurrelmann: "Eine Form der Solidarität"
Die Generation Y: Selbstwusst, kritisch – und ein klein bisschen privilegiert