6 Fragen an Klaus Hurrelmann: "Eine Form der Solidarität"

Bild: Klaus Hurrelmann

Die "Generation Y" ist in den letzten Jahren zu einem angesagten Thema geworden, und zwar weit über ein paar Blogs von Personalern oder das Interesse von Wissenschaftlern hinaus. Denn die "Digital Natives", wie sie auch genannt werden, sind nicht nur ihrerseits konfrontiert mit einer Arbeitswelt, die sich dank Stichworten wie Industrie 4.0 in rasendem Wandel befindet. Sie haben ihrerseits auch andere Vorstellungen und Forderungen – an Politik, Arbeitgeber und überhaupt die ganze Gesellschaft, die Gewerkschaften eingeschlossen. Wir schauen genauer hin. Was sagen Experten? Worin unterscheiden sich die Jungen heute von den Jungen gestern? Und warum? Heute: Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann, der auch als Autor der Shell Jugendstudien bekannt ist und heute als Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin lehrt.


Frage: Lässt sich eine ganze Generation wirklich mit einem einzigen Buchstaben beschreiben?

Klaus Hurrelmann: Die Frage ist völlig berechtigt. Wenn man sich anschaut wie Generationenbilder entstanden sind, dann fällt der Blick auf die Nachkriegszeit, denn damals ist diese Idee unter Sozialwissenschaftlern zum ersten Mal aufgekommen. Damals gab es die Generation nach dem Krieg, die geprägt war durch die wirtschaftliche und die politische Situation, den totalen Zusammenbruch, ein totalitäres Regime, Krieg, und Armut. Das hat einen großen Teil der jungen Leute stark geprägt und so ist die Idee der gemeinsamen Merkmale einer Generation entstanden. Auf heute übertragen hieße das: Die heutige Generation hat in ihrer Jugendzeit die Wirtschafts- und Finanzkrise erlebt, sie musste bis vor kurzem zittern, dass sie überhaupt in den Beruf hinein kommt, sie ist mit Bedrohungen wie internationalem Terror und Umweltzerstörung aufgewachsen und sie ist die erste, die mit elektronischen Medien aufgewachsen ist – und alles das hinterlässt Spuren und so ist die Metapher von der Generation Y entstanden. 

 Was unterscheidet die „Ypsiloner“ von vorherigen Generationen?

Nun, wenn wir die Aspekte die ich genannt habe einmal durchgehen, dann fallen im Vergleich zur vorherigen Generation, die auch Generation X oder Generation Golf genannt wird, einige Dinge auf: Es gibt einen spürbaren Unterschied in der wirtschaftlichen Lage. Für die Generation X gab es noch keine akute Krise am Arbeitsmarkt, das war eine junge Generation die sich eigentlich keine großen Sorgen machen musste und ein bisschen in die Welt hinein leben konnte. Die hatten also eine viel entspanntere Ausgangssituation. Das gilt erst recht, wenn wir noch einmal 15 Jahre zurückgehen, für die so genannten Babyboomer, die waren noch stark durch das Wirtschaftswunder geprägt. Und schließlich unterscheiden sich die beiden Vorgänger der Generation Y dadurch, dass sie noch nicht diesen direkten Zugang zur digitalen Welt hatten.

Was meinen Sie mit „heimlichen Revolutionären“? Was für eine Revolution geht von der Generation Y aus?

Wenn wir einmal schauen, was bei einem großen Teil der Jungen Generation zu beobachten ist, dann fällt eine Art vorsichtiges Taktieren auf, ein starkes Ausgehen von den eigenen Bedürfnissen, eine auf das Individuum bezogene Kosten-Nutzen-Denke. Damit gehen diese junge Leute an ihre Welt heran und verändern so überraschender Weise klammheimlich die Ausgangssituation. Ein Beispiel: Weil sie wollen dass sie in der Schule gut abschneiden, achten sie darauf dass die Lehrer ihre Verbündeten sind. Damit haben sie für flache Hierarchien gesorgt, die Schule gewissermaßen demokratisiert und am Ende eine kleine pädagogische Revolution veranstaltet. So ähnlich sieht es auch im Berufsbereich aus. Wenn diese jungen Leute in den Beruf kommen, dann wollen sie Verantwortung haben und eigene Projekte machen. Sie lehnen unnötige Hierarchien ab und wechseln auch lieber in einen Job, wo das Betriebsklima besser ist, als immer mehr Geld zu verdienen, das steht nicht mehr ganz oben. Auf diese Weise verändern Sie klammheimlich auch die Berufswelt.

Was ist der Unterschied zwischen Egoisten und „Egotaktikern“?

Ich habe ja davon gesprochen, dass es eine Generation ist, die sehr stark von den eigenen Bedürfnissen ausgeht, die immer fragt, was bringt mir das und was bedeutet es für mich. Das hat einen Ego-Bezug, der aber nicht egoistisch ist – denn es ist nicht so, das man alles zur Seite schiebt und nur die eigenen Interessen durchsetzt. Man geht zwar von sich selbst aus, es wird nicht gegen andere gehandelt, sondern die anderen werden mit einbezogen. Das ist auch eine Form der Solidarität, vor allem mit den Gleichaltrigen.

Welches Verhältnis hat die Generation Y zu Gewerkschaften?

Es ist eine Generation, die skeptisch ist gegenüber allen großen Organisationen. Da sind die Kirchen genauso betroffen wie die Parteien oder Regierung und Parlament. Das ist nicht ihre Welt, die ist ihnen nicht authentisch genug, sie sehen nicht, wie sie ihre persönlichen Interessen und Bedürfnisse einbringen können. Gewerkschaften gehören per se erst einmal zu diesen Organisationen. Wenn Gewerkschaften aber signalisieren, dass sie sich für die Belange junger Menschen einsetzen, dass sie auch auf persönliche Wünsche eingehen, vor allem auch auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, dann haben Sie eine echte Chance.

Welcher Generation gehören Sie selbst an?

Ich gehöre der Generation an, die nach der Nachkriegsgeneration kam, also die so genannte Achtundsechziger-Generation. Wenn man schaut was unsere Ausgangssituation war, dann war es eine wirtschaftlich schon konsolidierte Situation. Der Wiederaufbau nach dem Krieg war von der so genannten „Skeptischen Generation“ bereits gemacht worden – und es war Zeit, einmal zu gucken, wo wir überhaupt standen. Da ging es um die Auseinandersetzung mit autoritären Eltern, um ein System, das noch nicht demokratisiert war und um unglaubwürdige Positionen etwa in den Hochschulen und Schulen. Alles das hat dann eben zu einer verbreiteten Protesthaltung geführt, die man sich nur leisten kann, wenn man nicht mehr absolut in Not steht. So hat meine Generation die Welt verändert, die heutige macht es auf ihre Weise.


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