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6 Fragen an Klaus Dörre: "Ein starkes Interesse, die Lebensumstände zu verbessern"

Foto: Klaus Dörre

Die "Generation Y" ist in den letzten Jahren zu einem angesagten Thema geworden, und zwar weit über ein paar Blogs von Personalern oder das Interesse von Wissenschaftlern hinaus. Denn die "Digital Natives", wie sie auch genannt werden, sind nicht nur ihrerseits konfrontiert mit einer Arbeitswelt, die sich dank Stichworten wie Industrie 4.0 in rasendem Wandel befindet. Sie haben ihrerseits auch andere Vorstellungen und Forderungen – an Politik, Arbeitgeber und überhaupt die ganze Gesellschaft, die Gewerkschaften eingeschlossen. Wir schauen uns das alles in den kommenden Wochen mal genauer an. Was sagen Experten? Worin unterscheiden sich die Jungen heute von den Jungen gestern? Und warum?  Den Anfang macht heute ein Wissenschaftler: Klaus Dörre, Jahrgang 1957. Er ist Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziolgie an der Universität Jena, Gründungsmitglied des Institut Solidarische Moderne und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac und berät auch Gewerkschaften seit vielen Jahren. 

 

Frage: Wer ist die Generation Y und was unterscheidet sie von vorherigen Generationen?

Klaus Dörre: Streng genommen geht es um Alterskohorten, die im Abstand von 30 Jahren aufeinanderfolgen. Interessanter ist aber, dass es sich bei Generationen um gesellschaftliche Gruppen handelt, die durch gemeinsame soziale Umstände geprägt werden. Die Generation Y, also die gut qualifizierten jungen Leute, die heute ins Berufsleben starten, wurden in einem Umfeld sozialisiert, dass gekennzeichnet ist durch bessere Berufschancen zumindest für gut Qualifizierte, durch den Rückgang der Arbeitslosigkeit – aber auch durch einen anderen, flacheren Zugang zu Wissen und vor allem durch neue Ansprüche an Leben, Familie und so weiter. Und das ist das Entscheidende: Eine veränderte Einstellung zu Erwerbsarbeit, zu Karriere und den eigenen Vorstellungen von einem guten Leben. Um es konkret zu machen: Man ist heute selbst in einer Führungsposition eher bereit zu sagen, ich mache nur eine Zweidrittel-Stelle und verwende das letzte Drittel zur persönlichen Weiterentwicklung und promoviere vielleicht – um ein Beispiel einer mir bekannten Doktorandin zu nennen.

Jugendforscher sprechen von „heimlichen Revolutionären“? Was für eine Revolution könnte von der Generation Y ausgehen?

Eine Umwertung der Werte. Stellen Sie sich vor, Sie haben in den Führungsetagen immer häufiger Leute, die sagen, Karriere ja, aber nicht zu jedem Preis. Wenn das unter den Bedingungen einer relativen Knappheit von Spezialisten und Fachleuten auf dem Arbeitsmarkt geschieht, dann bedeutet das, dass sich die Maßstäbe in den Führungsetagen deutlich ändern müssen. Denn junge Leute sind nicht mehr bereit, alles der beruflichen Karriere unterzuordnen und auf Ansprüche ans eigene Leben zu verzichten

Treffen die Eigenschaften, die der Generation Y nachgesagt werden, wirklich auf alle Angehörigen der jeweiligen Altersgruppe zu?

Nein, nicht in gleicher Weise. Das ist ein Fehler der häufig gemacht wird bei Generationsportraits, dass unterstellt wird, alle Angehörigen einer Generation würden in der gleichen Weise denken. Nehmen Sie zum Beispiel die Generation der 68er: Die war natürlich hochgradig polarisiert, es gab nicht nur die, die im SDS engagiert waren, sondern es gab auch die Mitglieder der Jungen Union, die sich als Gegenpol gesehen haben. Heute gibt es zudem, und das ist das wichtigere, eine starke soziale Polarisierung. Denn die gerade angesprochene, stärkere Relativierung von Karrierezielen findet sich vor allem bei den höher Qualifizierten – und nicht im eher prekären Bereich und im Bereich der Arbeiter. Dort haben sie eine ganz andere Entwicklung: Da geht es zwar auch um Themen wie die Okkupation des Privatlebens durch ausufernde Berufsarbeit oder Entdemokratisierung im Betrieb. Aber vor allem gibt es ein starkes Interesse, die Lebensumstände zu verbessern – und das bricht am Ende am Lohn auf. Dort werden dann auch Gewerkschaften wieder interessant. Hier sehen wir ein Ende der Bescheidenheit, selbst prekäre Jobs disziplinieren hier nicht mehr in der gleichen Weise, wie das früher der Fall war. Heute setzen sich die Betroffenen zur Wehr, sind auch bereit Risiken einzugehen, also zum Beispiel auch zu streiken. Das ist auch die Generation Y, aber in einer ganz anderen Ausprägung .

Welches Verhältnis hat die Generation Y zu Gewerkschaften und allgemein zu  kollektiver Interessenvertretung?

Auch das kann man nicht über einen Kamm scheren. Insgesamt kann man sagen, dass auch in dieser Generation eine sehr deutliche Distanz zu professioneller Politik existiert. Das war früher schon ähnlich, ist aber meines Erachtens heute noch stärker ausgeprägt. Man kann davon ausgehen, dass sich große Teile dieser Generation politisch überhaupt nicht repräsentiert sehen. Zugleich ist die Bereitschaft, sich selbst zu organisieren, eher gering. Es gibt wenige Ausnahmen, und zu den Ausnahmen zählen inzwischen auch wieder Gewerkschaften, gerade im Bereich der Auszubildenden und jungen Lohnabhängigen. 

Warum ist Bildung so wichtig für die Generation Y?

Weil sie entscheidend ist für die Zugänge zu guten Jobs. Das heißt nicht, dass gute Abschlüsse einen guten Job garantieren, aber die Chancen sind doch vergleichsweise gut. Gerade in Deutschland erleben wir auch hier wieder eine ausgesprochene Polarisierung: Während die meisten Hochschulabsolventen nach 3-4 Jahren auf relativ sicheren Beinen stehen, haben diejenigen, die keinen Schulabschluss schaffen, faktisch keine Chance, und das sind ja immer noch Zehntausende. Bei denen ist es hochwahrscheinlich, dass sich das Durchschlagen mit prekären Jobs verstetigen wird, das muss man klar sehen.

Welcher Generation gehören Sie selbst an?

Ich gehöre einer so genannten eingeklemmten Generation an, also einer, die nicht als Generation bezeichnet wird, die so genannten Post-68er. Es hat immer mal Versuche gegeben, diese Generation auch eigenständig zu beschreiben, das ist aber nicht gelungen. Deshalb ist das kein starker Generationenzusammenhang, obwohl das politische Engagement, die Bereitschaft zu Protest und solche Geschichten sehr viel ausgeprägter sein dürfte als 1968, wenn man sich mit der sozialen Realität dieser Gruppe befassen würde.


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