Die Generation Y: Selbstbewusst, kritisch – und ein klein bisschen privilegiert

Bild: IG Metall

„Die Jugend von heute liebt den Luxus. Sie hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer.“ Das soll der antike griechische Philosoph Sokrates angeblich gesagt haben – was nach über 2000 Jahren schwer zu beweisen ist. Sicher ist lediglich, dass er, sollte er diesen Unsinn wirklich gesagt haben, selten so daneben lag, insbesondere, wenn wir auf die so genannte Generation Y schauen. Denn die will keinem der gängigen Jugendklischees so richtig entsprechen: Sie hat gute Manieren – und hält in der Tat wenig von Autorität und Hierarchie, weil Kommunikation auf Augenhöhe nun einmal besser in unsere schnelllebige Welt passt. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer – aber nur dann, wenn diese wieder einmal keine befriedigende Antwort auf jene Fragen haben, von denen die „Generation Why“, wie sie im Englischen auch genannt wird, so viele hat.

Denn Fragen haben die heute 20-30-Jährigen mehr als genug, schließlich sind sie in einer Welt aufgewachsen, die von großen Widersprüchen geprägt ist. Während junge Mittelschichtsmenschen im reichen Teil der Welt so viele Möglichkeiten haben wie noch nie, ist das Leben für Gleichaltrige in anderen Ländern ungleich schwerer – und das ist dank des Internets auch allen klar. Daraus folgt bei vielen eine kritische Einstellung zum jahrzehntelang gültigen Dogma ewigen wirtschaftlichen Wachstums und eine große grundsätzliche Bereitschaft, Konsum und Kapitalismus als einzigen Weg zum Glück in Frage zu stellen. Denn dass dieses Wirtschaftssystem nicht perfekt ist, das zeigen die vielen Krisen, die diese Generation trotz ihres jugendlichen Alters bereits erlebt hat. Das Problem ist, dass aktuell noch keine Alternativen zu diesem System in Sicht zu sein scheinen – und zum Träumen ist die Zeit eigentlich zu schade und die Welt zu groß.

Als natural born Medienprofi lässt sich die Generation Y auch ungern einen vom Pferd erzählen – und zwar schon gar nicht von Parteipolitikern, deren Parolen eh immer nach PR-Plastiksprache klingen. Die eingesparte Zeit steckt man lieber in die eigene Bildung. Das hat gleich zwei Vorteile, denn Bildung ist Wissen und Wissen ist Macht, auch gegenüber nervigen Chefs. Wissen ist aber auch Durchblick – und davon kann etwas mehr eigentlich nie schaden, schließlich will man es im eigenen Leben und im eigenen Beruf mit Sinn und Verstand angehen. Protzbüro und Protzauto sind darum immer öfter out, stattdessen lautet das Motto Nachhaltigkeit. Gutes und gesundes Essen, vernünftige Arbeitsbedingungen und ausreichend Zeit, um sich vom Stress zu erholen und Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, kurz: Alles, was die Lebensqualität wirklich steigert, steht weit oben auf der Agenda.

Weitgehend aus der Mode gekommen sind jedenfalls Jobs, in denen mehr oder weniger deutlich verlangt wird, 10, 12 oder gar mehr Stunden in der Firma zu verbringen. Die Generation Y hat zu viele Krisen dieses überdrehten Wirtschaftssystems mitbekommen, um noch daran zu glauben, dass Menschen im rasenden Hamsterrad Erwerbsarbeit glücklich werden. Weniger ist mehr, lautet oftmals die Devise.

Weniger ist mehr, das gilt in ganz anderer, sehr viel schlechterer Weise auch für eine andere Gruppe der heute 20-30-Jährigen: Die Rede ist von jenen, die sich mit Scheissjobs und entsprechend miesen Arbeits- und Lebensbedingungen herumschlagen müssen. Wenn von der Generation Y die Rede ist, dann ist von den eingangs schon kurz genannten Mittelschichtkids die Rede, die keine übermäßigen finanziellen oder sozialen Härten erfahren und eine gute Bildung genossen haben. Die zahlreichen Jugendlichen, die etwa im so genannten Übergangssystem der Bundesagentur für Arbeit hängen, werden dabei ebenso vergessen wie viele junge Menschen, die in befristeten Verträgen oder als Leiharbeiter schuften und sich mit Werkverträgen durchschlagen müssen. Diese Gruppe der mehr oder weniger Abgehängten wird nicht mit schicken Buchstaben beschrieben und von Wissenschaftlern untersucht – und es ist davon auszugehen, dass sich deren Sicht auf die Gesellschaft und insbesondere die Arbeitswelt durchaus ganz anders darstellt. 


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