Die Abgehängten

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Es ist diese Prozentzahl, über die sich Klaus Klemm und Nils Berkemeyer besonders empören: Knapp sechs Prozent der Schulabgänger in Deutschland schaffen Jahr für Jahr keinen Abschluss. Das bedeutet, dass jedes Jahr rund 50 000 junge Leute die Schule verlassen, ohne eine Chance auf einen Ausbildungsplatz zu haben, weil ihnen der Hauptschulabschluss fehlt.

„Das hat mit dem schlechten Zustand der Hauptschule zu tun“, sagt Nils Berkemeyer, der an der Universität Jena über Schulentwicklung forscht. „Schüler wie Lehrer haben der Hauptschule längst gekündigt, und die Bildungsverwaltungen kümmern sich nicht“, sagt der Professor, der zu den Mitautoren des „Chancenspiegels“ gehört, einer Studie, die regelmäßig die Bildungschancen in Deutschland analysiert. Berkemeyer hält es für einen „Skandal, dass die politische Aufmerksamkeit auf das Gymnasium gerichtet ist, während wir gleichzeitig ein Prekariat heranziehen“. Sein Kollege Klaus Klemm, Bildungsforscher an der Universität Essen, benutzt das gleiche Vokabular, um die Zustände zu beschreiben. „Skandalös“ ist für ihn, dass knapp fünf Prozent aller Kinder auf Förderschulen gehen. Mehr als die Hälfte aller Schüler ohne Hauptschulabschluss kommt von den Förderschulen. Die Schulabbrecherquoten unterscheiden sich je nach Bundesland. In Berlin liegt sie bei neun, in Ostdeutschland bei bis zu zehn Prozent.

Diese Zahlen zeigen zwei grundsätzliche Probleme auf. Das deutsche Bildungssystem sortiert, wie gehabt, zu früh zu viele Schüler aus. Zu diesen zählen auch diejenigen, die zwar einen Abschluss haben, aber von der Chance auf eine höhere Qualifikation ausgeschlossen wurden. Das mehrgliedrige Schulsystem mit der frühen Auslese in der Grundschule schafft ein System von „oben“ und „unten“ mit Verlierern und Gewinnern, wobei die Hauptschule längst zu einer Restschule degradiert worden ist.

Bis heute spielt in Deutschland die soziale Herkunft eine entscheidende Rolle, ob man zu den Verlierern oder zu den Gewinnern des Bildungssystems gehört. Das Phänomen ist häufig beschrieben worden: Kinder aus armen oder weniger gebildeten Elternhäusern besuchen viel seltener eine höhere Schule als Akademikerkinder. Selbst bei gleichen Leistungen unterscheiden sie sich in ihren Bildungswegen. (...)

„Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg liegt zu großen Teilen an der frühen Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schulen“, sagt Klaus Klemm – bremst aber die Erwartungen an eine Gemeinschaftsschule: „Eine gemeinsame Schule ist eine Voraussetzung, aber noch keine Garantie dafür, das der Zusammenhang abgeschwächt wird.“ Entscheidend ist laut Klemm das Zusammenspiel von früher Förderung in der Vorschule, Ganztagsschulen und Gemeinschaftsschulen. (...) Zugespitzt gesagt: Je größer der familiäre Einfluss ist, desto schwieriger ist es, durch Bildung sozial aufzusteigen, wenn es zu Hause wenig Geld, Zeit oder Verständnis gibt. Der Blick auf zwei Migrantengruppen verdeutlicht den Zusammenhang: Türkischstämmige Migranten sind in den Bildungsinstitutionen weniger erfolgreich als Kinder von Einwanderern aus Vietnam, obwohl der materielle Status beider Gruppen ähnlich ist. Der Münsteraner Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani erklärt in seinen Forschungen den Unterschied mit dem unterschiedlichen Verständnis von Familie und Loyalität: Türkische Einwanderer nehmen Familie und Schule als zwei getrennte Sphären wahr. Die Schule gehört zur äußeren, fremden Sphäre. Wer durch Bildung aufsteigen will und viel Zeit in sie investiert, muss sich im Prinzip von der Familie lösen. Wenn in der äußeren Sphäre aber Vorbilder und Unterstützung fehlen und Erfolge ausbleiben, liegt es nahe, sich in das Herkunftsmilieu zurückzuziehen. Vietnamesische Einwanderer nehmen Bildung und Familie hingegen nicht als Gegensatz wahr. Bildungserfolg wird als Familienziel angesehen: Selbst wenn die Kinder zum Studium ihr Herkunftsmilieu verlassen müssen, handeln sie loyal zur Familie.

Übersetzt auf das deutsche Bildungssystem heißt das: Gemeinschafts- und Ganztagsschulen können den Faktor Herkunft durchaus kompensieren, wenn dieser hemmend wirkt. Sie bieten den nötigen Raum, damit sich Schülerinnen und Schüler entwickeln und gefördert werden können. Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende und im DGB-Vorstand zuständig für Bildungspolitik, ist beim Thema Gemeinschaftsschulen inzwischen durchaus zufrieden: „In den 70er und 80er Jahren gab es um die Einführung von Gesamtschulen einen regelrechten Kulturkampf. Mittlerweile ist mehr Pragmatismus eingekehrt. Gerade in ländlichen Räumen setzen sich auch konservative Bürgermeister für Gemeinschaftsschulen ein, weil sie wegen des demografischen Wandels alle Schulabschlüsse vor Ort anbieten wollen“, sagt sie.

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Dies ist die gekürzte Fassung eines Textes, der zuerst im "Magazin Mitbestimmung" 5/2016 der Hans-Böckler-Stiftung erschien und den wir hier mit Erlaubnis von Autor und Verlag verwenden. Den ganzen Text findet ihr in der aktuellen Ausgabe des Magazins, das ihr unter dem folgenden Link kostenlos als PDF herunterladen könnt:
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